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NZZ am Sonntag (11.23.03)

Punk-Musik mit japanischem Trommel-Furioso

Künzler H.

"The Creatures" legen ihr neues Album "Hai!" vor. Von Hanspeter Künzler

Siouxsie & The Banshees waren Punks der ersten Stunde. Typische Punks waren sie aber nur in einer Hinsicht: Ihre Unfähigkeit, zusammenzuspielen, war legendär, obwohl zu ihren frühen Besetzungen ein Sid Vicious am Schlagzeug gehörte. Dank Siouxsies ausgefallener Garderobe schaffte die Band es schon 1976 in die Klatschspalten des "New Musical Express" (ihre Vorliebe für die Swastika findet sie heute "kindisch"). Die erste Single erschien allerdings erst, als man imstande war, die musikalische Vision auch in die Praxis umzusetzen. "Hong Kong Garden" schlug fernöstliche Töne an, wirkte trotz dem poppigen Refrain mysteriös - und placierte die Banshees gleich beim ersten Anlauf in den englischen Top 10. Das war im August 1978.

"Der offizielle Song zur Olympiade 1964 in Tokio ist eines der ersten Musikstücke, an das ich mich erinnern kann", sagt Siouxsie, die 1957 als Susan Dallion in Südlondon zur Welt gekommen ist. "Es ist leicht und luftig und doch irgendwie traurig. Sozusagen die Liedform einer Trauerweide." So kann denn Siouxsie Sioux zu Recht behaupten, ihre Faszination für fernöstliche Klänge sei keineswegs die Macke einer flitterhaften Zeitgeistjägerin. Sie führt vielmehr wie ein roter Faden durch die Alben der Banshees. Jetzt hat diese Faszination zu einem ungewöhnlich stimmigen und vitalen "Weltmusikalbum" geführt: Unter dem Namen The Creatures spielt Siouxsie mit Banshees-Drummer und Ehemann Budgie sowie mit Leonard Eto zusammen, einem früheren Mitglied der Taiko-Drum-Truppe Kodo.

Taiko-Trommeln sind so alt wie die japanische Kultur. Sie haben seit Jahrhunderten als "Trance-Droge" bei religiösen Ritualen und als Aufputschmittel in historischen Schlachten Verwendung gefunden. Grösse und Form spielen keine Rolle. In den fünfziger Jahren schrieb der Jazz-Schlagzeuger Daihachi Oguchi erstmals Taiko-Kompositionen für mehrere Trommler; bis dahin hatten die Drummer solo für Trance gesorgt oder waren unisono drauflosgeprescht. 1969 wurde auf der Insel Sado die Taiko-Kommune Kodo gegründet, zu der auch Leonard Eto gehörte. Hier wehrte man sich gegen Japans ideologische Dekadenz und versuchte, meditative Tradition mit Hippie-Ideologie aufzufrischen. Um fünf Uhr früh rannten alle um die Insel, den Rest des Tages verbrachten sie beim Trommeln und Trommelbauen. Unterdessen gibt es 8000 Taiko-Ensembles, die im jazzigen Kodo-Stil spielen, nicht zuletzt in Kalifornien.

Leonard Eto verliess Kodo, weil ihm die Truppe zu kommerziell wurde. Seither lässt er sich nur noch auf Musik ein, die Freiheit und Respekt verspricht. So hat er mit Andreas Vollenweider zusammengearbeitet, aber auch mit Ex-Girl, einer japanischen Version von XTC. Ex-Girl war die Support-Band, als sich Siouxsie & The Banshees unlängst noch einmal zu Grabe tragen lassen wollten, nachdem sie bereits 1996 ihre Auflösung bekanntgegeben hatten. Inzwischen verspricht Siouxsie freilich, dass wir von den Banshees zumindest noch eine CD mit einem Sinfonieorchester erwarten können.

Siouxsie und Budgie hatten die Kodo-Drummer schon in den achtziger Jahren live erlebt. Der Produzent von Ex-Girl organisierte ein nervöses Treffen mit Eto im Studio. Nach einer Tasse Tee summierte Eto die Basis musikalischer Gemeinsamkeiten so: "Wir Japaner zählen anders als ihr Europäer." Danach improvisierten Budgie und Eto fünfeinhalb Stunden drauflos: "Das mit dem Zählen kam uns gar nicht mehr in den Sinn." Die der CD beigelegte DVD zeigt Musiker, die aus lauter Spielfreude ständig grinsen. "Im Idealfall hatten wir von den Sessions genug Material für eine EP erwartet", sagt Siouxsie, "aber dann ist so viel passiert."

Die DVD ist ein Zeugnis instinktiven Verstehens. "Wahnsinnig", sagt Siouxsie. "Ich hatte so viele Ideen beim Zuschauen. Aber ich zeigte mich von der edelsten Seite und behielt sie für mich. Ich wollte nicht stören." Daheim - das Paar lebt nun in Frankreich - ortete Budgie die "Breaks" in den Aufnahmen, isolierte die einzelnen Stücke und fügte Tupfer wie Marimba und Piano hinzu. Siouxsie machte aus den Segmenten Lieder. Herausgekommen ist "Hai!", ein Album, auf dem japanische Trommeln und englische Nebelhorn-Stimme zusammenwirken und einen "World-Fusion"-Sound hervorbringen, der von der eigenen Höflichkeit nie erstickt wird. "Hai!" kracht, pöbelt, dröhnt, geht auf die Nerven, wirkt erhebend, witzig und schockierend zugleich. "Der Sauber-Sound vieler World-Music-Fusionen wischt die kulturellen Differenzen unter den Tisch", sagt Budgie. "Es ist eine Anmassung, zu glauben, dass wir fremde Kulturen sofort verstehen. Hier geht es nicht zuerst ums Verstehen, sondern ums Erleben."

The Creatures: "Hai!"


Contributed by Jerry Burch.


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